Auszug aus «Schweizer Illustrierte» vom 8. September 2003 >>
Fast 200 Quadratmeter gross ist der Wohnraum von Sue Rohrer, der durch den roten Turm mit Cheminée optisch geteilt ist. Ganz hinten rechts: die Essecke mit einem alten Jagdtisch. Links: die Bibliothek. Rechts vorne: die bequeme Sitzecke mit modernen Designersofas der italienischen Firma Cyrus.
VON ANDREAS C. ENGLERT
MIT FOTOS VON MARCEL NÖCKER

Sie schleppt eine goldlackierte Holzkugel schon mal einen ganzen Tag durch Paris. Sie importiert eine englische Bibliotheksleiter aus Indien und macht daraus ein Bücherregal. Und bei einer alten Anrichte sägt sie die Deckplatte aus, um ein Waschbecken zu integrieren. Sue Rohrer ist nie um eine Idee verlegen. Dogmatische Strenge oder innenarchitektonische Doktrine weichen bei ihr dem, was sie selbst als höchstes Gut bezeichnet: «Harmonie. Ich brauche Harmonie - immer und überall.» Entsprechend ist die Philosophie ihrer Arbeit: «Ich will gemütliche, entspannte Zuhause schaffen - mit Atmosphäre. Mit Harmonie zwischen dem Haus und der Einrichtung. Und dann muss dort ein bisschen etwas Unerwartetes und schliesslich auch etwas Atemberaubendes sein.»

Mit Fotos ihres eigenen Daheims bewarb sie sich um den «Interior Oscar». Zum siebten Mal kürte jetzt eine Jury im Auftrag des englischen Stoffherstellers Andrew Martin insgesamt 51 Innenausstatter aus aller Welt. Hunderte hatten sich beworben, viele Ge-winner verdankten ihren Erfolg Häusern, die sie für Kunden einge-richtet hatten. Das Spezielle bei Sue Rohrer: Die preisgekrönte Immobilie ist ihr eigenes Haus - ein ehemaliges Stallgebäude am höchsten Punkt von Zumikon, von ihr selbst ausgebaut. Herzstück ist ein rund 200 Quadratmeter grosser Raum - in dessen Zentrum eine 3,80 Meter hohe (hohle) Säule, in auffallendem Rot gestrichen. Darin integriert sind die Stromanschlüsse für zwei Dutzend beleuchtete Bilder, Vertiefungen für TV, Video und Stereoanlage, zwei Cheminées und ein Besenkämmerchen. Ohne eine wirkliche Mauer einzuziehen, teilte Sue Rohrer den riesigen Raum in verschiedene Bereiche: Küche, Esszimmer, Fernsehzimmer, einen kleinen und einen grossen Salon. 40 Gäste können sich hier problemlos an verschiedenen Tischen unterhalten - ohne störende Geräuschkulisse, trennende Wände und Türen

Die Hausherrin sprudelt vor Ideen. Wie es der Boden im Badezimmer mit einem Mosaik aus verschiedenen bunten Kacheln beweist. Oder die Schubladen im massiven Küchenblock, die sie aus Deckeln von Weinkisten zimmerte.
Innenarchitektur - das war schon als Mädchen ein Traum der

gebürtigen Zürcherin. Die Eltern waren diesem Vorhaben gegenüber misstrauisch, Sue absolvierte stattdessen eine Handelsschule, wurde Assistentin im Einkauf eines Warenhauses. Die Karriere lief dort nicht ganz so, wie sie sich das vorstellte.Sue Rohrer: «Eine kreative junge Frau wurde einfach als Spinnerin abgetan.» Gemeinsam mit ehemaligen Geschäftsfreunden aus Schweden gründete sie einen Geschenkartikelhandel und eröffnete vor zehn Jahren einen Laden in Zumikon. "Nach fünf Jahren kamen immer mehr Kunden mit Sonderwünschen: Die einen wollten Vorhänge, die anderen Beratung bei ihnen zu Hause. So beganns und nahm immer grössere Dimensionen an.» Mittlerweile hat Sue Rohrer - unverheiratet, aber in festen Händen – im Kundenauftrag auch Häuser in Frankreich, Österreich und Grossbritannien gestaltet, arbeitet gerade an einem Projekt in Griechenland. Die Namen der Kunden verschweigt sie diskret - erzählt aber voller Freude: «Alle, für die ich einmal gearbeitet habe, kommen immer wieder.»

Die Erfolgsstory einer Autodidaktin. «Ich glaube, man hat ein Gespür für das Einrichten oder nicht. Meiner Meinung nach kann man das nicht einfach lernen», umreisst die Designerin ihre Philosophie. Vielleicht liegts auch daran, dass sie sich nicht zu schade ist, selbst Hand anzulegen. Einen alten Schrank aus Spanien abzulaugen und innen orangefarben auszustreichen. «So wirkts heller und freundlicher.» Oder bei alten ledernen Clubsesseln, die im Keller ihres Bruders vor sich hin gammelten, die fehlenden Original-Sitzkissen durch neue (mit Fell bezogene) zu ersetzen. Und den Kamin in ihrem Wohnbereich, der wie ein nobles Sandstein Modell aus einem Loire-Schloss wirkt, erst aus Betonstein bauen zu lassen, dann mit einem Hammer die Kanten abzuschlagen und in Sandstein-Farbton zu streichen.
Was käme bei Sue Rohrer selbst nicht ins Haus? «Möbel aus Chrom, Stahl und Plastik Die haben kein Leben, keine Seele, keine Ausstrahlung.» Und langweilige weisse Wände. «Etwas Farbe schafft hier viel mehr Gemütlichkeit.»
Die Einzelstücke, die Sue Rohrer in aller Welt zusammenträgt, sind (fast) alle verkäuflich. Gerade hat ihr ein Kunde den Bürotisch, auf dem ihr Computer stand, abgeschwatzt. Sue Rohrer seufzend: «Das ist eben mein Business. Bei vielen Dingen fällts mir wirklich schwer, sie wieder herzugeben. Denn ich kaufe eigentlich nur Dinge ein, die ich selbst auch haben will. Ich nehme nur das, wo ich sagen kann: Wow, das ist es!»